Kurzgeschichten

Katja Oskamp: Marzahn Mon Amour. Geschichten einer Fußpflegerin

Manchmal, wenn ich in einem Café oder Restaurant sitze, beobachte ich die Menschen um mich herum und fange an, mir Geschichten zu den Personen auszudenken. Keine Helden-Epen, sondern kurze Alltagsgeschichten, die irgendwo anfangen und irgendwo aufhören. Vermutlich bin ich deshalb neugierig geworden auf Katja Oskamps „Geschichten einer Fußpflegerin“. Meine Erwartungen an dieses schmale Büchlein (143 Seiten) wurden nicht enttäuscht. Katja Oskamp erzählt von den Menschen in Berlin-Marzahn, die sich regelmäßig auf den pinkfarbenen Behandlungsstuhl ihrer Fußpflegerin setzen, um sich nicht nur die Füße, sondern jedes Mal auch ein wenig die Seele pflegen zu lassen. Es sind vor allem alte Menschen mit alten Füßen und alten Seelen, fernab jugendlicher Schönheit, aber mit all ihren Lebensspuren auf ihre eigene Art schön und anrührend. So wie Herr Paulkes Füße: „Sie waren rundum geschwollen, die Haut braun verfärbt und schuppig, von tausend lilablauen, wirr verlaufenden Adern zerfurcht. Wie verwitterte Steine.“

Katja Oskamp erzählt ein stückweit auch ihre eigene Geschichte, denn die Berlinerin hat mit Mitte 40 tatsächlich eine Ausbildung zur Fußpflegerin gemacht und arbeitet bis heute in dem Kosmetik- und Fußpflegesalon „MP20“ in Marzahn.  

Mit „Marzahn Mon Amour“ ist ihr ein lebenskluges, warmherziges, humorvolles Buch über das wahre Leben gelungen, das millionenfach in Deutschland gelebt und leider viel zu selten beachtet wird. Dabei könnten wir alle so viel lernen, wenn wir nur genau zuhören und hinsehen würden – so wie die Fußpflegerin auf ihrem Rollhocker.

Katja Oskamp: Marzahn Mon Amour. Geschichten einer Fußpflegerin. Hanser Berlin, 2019, 16 Euro (Hardcover).

Blick ins Buch – die erste Seite:

„Die mittleren Jahre, in denen du weder jung noch alt bist, sind verschwommene Jahre. Du kannst das Ufer nicht mehr sehen, von dem du einst gestartet bist, und jenes Ufer, auf das du zusteuerst, erkennst du noch nicht deutlich genug. In diesen Jahren strampelst du in der Mitte des großen Sees herum, gerätst außer Puste, erschlaffst ob des Einerleis der Schwimmbewegungen. Ratlos hältst du inne und drehst dich dann um dich selbst, eine Runde, noch eine und noch eine. Die Angst, auf halber Strecke unterzugehen ohne Ton und ohne Grund, meldet sich. Ich war vierundvierzig Jahre alt, als ich die Mitte des großen Sees erreichte. Mein Leben war fad geworden – das Kind flügge, der Mann krank, die Schreiberei, mit der ich es bisher verbracht hatte, mehr als fragwürdig. Ich trug etwas Bitteres vor mir her und machte damit die Unsichtbarkeit, die Frauen jenseits der vierzig befällt, vollkommen. Ich wollte nicht gesehen werden. Aber ich wollte auch nicht sehen, ein Überdruss an Köpfen, Gesichtern und gut gemeinten Ratschlägen. Ich tauchte ab.“

Die Autorin:

Katja Oskamp, geboren 1970 in Leipzig, ist in Berlin aufgewachsen. Nach dem Studium der Theaterwissenschaften arbeitete sie als Dramaturgin am Volkstheater Rostock und studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Bisher wurden von ihr der Erzählungsband „Halbschwimmer“ und die Romane „Die Staubfängerin“ und „Hellersdorfer Perle“ veröffentlicht.
(Quelle: Klappentext)

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